Eine Frau mit Taktgefühl - Kölner Stadtanzeiger, 15.10.2003 | Swinging Sisters

Kölner Stadtanzeiger, 15.10.2003, Anja Katzmarzik

Eine Frau mit Taktgefühl

Eine Europa- und Weltmeisterin eröffnet die erste Tanzschule von Frauen für Frauen in Köln.
Sie sagt das charmant und so überzeugend, dass sie schon deshalb als integriert gelten darf: „Ich bin eine geborene Wahlkölnerin.“ Claudia Reger ist in Freiburg zur Welt gekommen, holt aber als Kölnerin alle Titel. Die 33-Jährige ist die eine Hälfte des seit 1998 besten Frauentanzpaares der Welt. Mit ihrer Tanzpartnerin Dunja Jansen ist sie amtierende Europa- und Weltmeisterin im Standardtanz, Weltmeisterin und Vizeeuropameisterin im Lateintanz, amtierende Europa- und Weltmeisterin über zehn Tänze (Standard und Latein) sowie stolze Besitzerin dreier Goldmedaillen, die sie mit Jansen bei den schwul-lesbischen olympischen Spielen „Gay Games“ 2002 in Sydney errungen hat.

Unter dem Namen „Swinging Sisters“ brachte Reger mit anderen Lehrerinnen in den vergangenen zehn Jahren tausenden Frauen das richtige Taktgefühl bei. 150 Frauen folgen der Südstädterin im Schwulen- und Lesbenzentrum (Schulz) zuletzt auf Schritt und Tritt. Die Räume waren schon lange zu klein. Jetzt macht die Tanzlehrerin ihr Hobby zum Beruf. „Energie muss in eine Richtung fließen“, findet die Frau, die bis vor kurzem als Organisationsmanagerin für die Altenhilfe arbeitete, und eröffnet die erste „Tanzschule von Frauen für Frauen im Kölner Raum“.

Warum nur Frauen? „Viele Frauen würden gerne tanzen lernen, wollen oder können aber aus den unterschiedlichsten Gründen nicht mit einem Mann in die Tanzstunde gehen“, erklärt sie. Zu ihren Kundinnen gehören viele lesbische Paare, aber auch Hetero-Frauen, deren Mann tot ist oder die sich unter Frauen sicherer fühlen. „Gesellschaftstanz unter Frauen boomt“, freut sich Reger, während der Heterobereich eher über Nachwuchsmangel klage.

Während homosexuelle Paare in vielen Tanzschulen abgewiesen werden, will Reger ganz gezielt heterosexuelle Frauen und vor allem Seniorinnen ansprechen. Viele haben den Rollenwechsel bereits genossen - bei Claudia Reger tanzt Frau mit Frau „gleichberechtigt“.

„Equality“ heißt eine besondere Eigenart des schwul-lesbischen Tanzsports: Während des Tanzes können die Rollen („Führende“ / „Folgende“) gewechselt werden. „Es macht Frauen auch mal Spaß zu führen“, beobachtet Reger. „Viele finden den Rollenwechsel spannend.“ So entstehen ganz neue Schrittkombinationen, Sehgewohnheiten müssen aufgebrochen werden. „Manch ein Wertungsrichter aus dem Heterotanzsport hat echte Probleme damit.“

Viele Frauen dagegen blühen bei Reger regelrecht auf. Das hat nichts mit Männerfeindlichkeit zu tun. In gemischten Gruppen hat Reger beobachtet, „wie sich Frauen klein machen“ und Männer allein schon aufgrund ihrer Körpergröße den Tanz dominieren. „Das hat auch mit Macht zu tun und der Geschichte, die Frauen haben.“ Ihr geht es um mehr als um Schrittfolgen, ihre Schülerinnen sollen lernen „sich im Tanzen zu behaupten“. Dazu gehört nicht nur eine aufrechte Körperhaltung. Ein eigener Raum nur für Frauen soll mehr Selbstbewusstsein schaffen. Auf 165 Quadratmetern entsteht in Bickendorf (Venloer Straße Nr. 725 / KVB-Haltestelle Akazienweg) ein großer, heller Tanzsaal mit angeschlossenem Bistro. Am 15. November, 20 Uhr, werden die Räume eingeweiht.

Veröffentlicht am: 15.10.2003

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Mittwoch, 15 Oktober, 2003