Tanzen ist auch ein Spiel mit der Macht - Kölner Stadtanzeiger | Swinging Sisters

Kölner Stadtanzeiger, 07.10.2004, Helga Ramler

Tanzen ist auch ein Spiel mit der Macht

„Wir haben eine Auswahl an Appetithäppchen vorbereitet“, sagt Claudia Reger. Nicht mit kulinarischen Genüssen, sondern mit einem Augenschmaus verwöhnte die Tanzlehrerin ihre Gäste, die sie zum „Blue Moon“, dem dritten Kölner Frauenball, in den Tanz und Turnier- Club Rot-Gold eingeladen hatte. Auf dem Parkett an der Venloer Straße zeigten Reger und Partnerin Dunja Jansen ihrer Kunst: Ob Walzer, Qickstep und Samba - gleich alle zehn Standard-Tänze und lateinamerikanischen Tänze vereinten die beiden zu einer Performance, die sanfte Panflöten-Klänge von Big Bandleader James Last begleiteten. Fließend die Wechsel von Rhythmus und Schrittfolge, jede Bewegungen ein Zeugnis perfekter Harmonie. Damit hatten die Damen in den weißen Overalls auch die Preisrichter bei den Gay Games, den Olympischen Spielen für Homosexuelle, überzeugt, 2002 holten sie sich in Sydney den Weltmeistertitel. Auch bei den Euro Games, den Europameisterschaften gleichgeschlechtlicher Sportler, siegten Reger und Jansen.

Seit knapp einem Jahr geben die Tänzerinnen ihr Können auch an Einsteigerinnen im Tanzsport weiter: In der Bickendorfer Frauentanzschule „Swinging Sisters“ unterrichten sie die klassischen Tänze, daneben wird in Workshops zu Salsa und Discofox eingeladen. „Unser Angebot richtet sich an alle Frauen, die Lust haben, führen zu lernen“, sagt Reger über ihr Kursusprogramm. Dabei wechseln die Tanzpartnerinnen sich auch gerne ab: Mal als Führende, mal als Geführte spielen sie mit dem Rollentausch. „Dabei verändern sich die Haltung und die Technik, der Charakter des Tanzens wird variiert“, erklärt Reger die Feinheiten. Durch den Ball will Reger einen Raum für Frauen schaffen, sich ohne Grenzen und Einschränkungen zu bewegen. „Unter sich können sich die Tänzerinnen freier entfalten“, sagt die Weltmeisterin.

Das bestätigt auch Britta Marchand, die mit ihrer Tanzpartnerin Britta Schönefeld gerne bei Turnieren gleichgeschlechtlicher Paare antritt. „Unter Frauen geht es auf der Tanzfläche viel entspannter zu“, sagt Marchand. „Wir lassen uns Platz und verdrängen uns nicht gegenseitig“, wie sie es etwa bei Turnieren heterosexueller Paare beobachtet habe. Schwung und Eleganz, Leichtigkeit und Hingabe liebt Schönefeld an ihrem Lieblingstanz, dem langsamen Walzer. „Es ist das Spiel mit der Macht, das Folgen und Führen“, was für die junge Frau den Reiz des gleichgeschlechtlichen Tanzes ausmacht, den sie seit vier Jahren trainiert. „Und außerdem sind die Männer so oft Tanzmuffel“, weiß Schönefeld aus Erfahrung, räumt aber gleich ein: „Die gibt es bei den Frauen allerdings auch.“

Beim „Blue Moon“, den Imi Paulus moderierte und mit kabarettistischen Einlagen würzte, trafen sich nur begeisterte Tänzerinnen. Darunter auch Kerstin Hübner und Andrea Schlinkert aus Berlin, die als „Tangoschlampen“ den Tango Argentino inszenierten. Auch die Formation der Swinging Sisters zeigte, was sie in der Frauentanzschule gelernt hatte und entführte in die New Yorker Cabarets der zwanziger Jahre.

Veröffentlicht am: 07.10.2004

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Donnerstag, 7 Oktober, 2004